"Ein Umfeld, das seinesgleichen sucht"

18.09.15

Die Lage beim TSV Lohr

Nach dem am Ende recht mühsamen 26:23-Auswärtssieg beim Aufsteiger TV Roßtal wollen sich die Landesliga-Handballer des TSV Lohr (4./2:0) bei ihrer Heimpremiere gegen die SG DJK SB/SC Regensburg (1./2:0) diesmal über die gesamte Spieldistanz in guter Verfassung präsentieren. „Die Anwurfzeit ist allerdings etwas ungewohnt“, erklärt TSV-Abteilungsleiter angesichts des Spielbeginns um Sonntag um 16 Uhr. Denn am Samstag ist die Spessarttorhalle wegen eines Judo-Wettkampfs belegt. Wegen des Sonntagstermins und weil parallel in der Region Fußballspiele laufen, ist sich Scheiner nicht sicher, wie viele Zuschauer den Weg zur Heimpremiere des Bayernliga-Absteigers finden werden. Lohrs Team wird sich auf einer Position verändern. David Imhof ist urlaubsbedingt verhindert, für ihn rückt Jonas Scheiner ins Aufgebot, der den Vorzug mitbringt, dass er sich als U-21-Spieler nicht im Landesliga-Team festspielen kann.

Der sonntägliche Gast aus der Oberpfalz steht etwas überraschend nach dem 26:20-Sieg über die HSG Lauf/Heroldsberg an der Tabellenspitze, was allerdings nach dem ersten Spieltag nur bedingt aussagekräftig ist. Regensburg bietet mit Michael Sigl sowie den Brüdern Roy und Steve Müller einige Akteure auf, die eine Menge Bayernliga-Erfahrung im Trikot des TB Roding mitbringen. Allerdings spielte die SG in der vergangenen Saison mitunter in Auswärtsspielen in schwächerer Besetzung als daheim. So bleibt noch einiges Rätselraten, wie die Regensburger Besetzung am Sonntag sein wird.

U. Sommerkorn

Bernd Becker spricht im Interview über die Herausforderung, zum zweiten Mal Trainer des TSV Lohr zu werden

Nach über sechs Jahren ist Bernd Becker zurück auf der Trainerbank der Lohrer Handballer, die an diesem Sonntag gegen die SG DJK SB/SC Regensburg (Anwurf 16 Uhr, Spessarttorhalle) ihre Heimpremiere feiern. 2009 war der Vertrag mit dem nunmehr 46-jährigen Höchberger nicht verlängert worden, nun aber wurde Becker nach dem Abstieg von der Bayernliga in die Landesliga zurückgeholt. Zwischenzeitlich war der Inhaber der B-Lizenz bei der DJK Waldbüttelbrunn und beim TV Hardheim tätig gewesen. Beckers Auftrag ist nun: Neuaufbau des Teams und eine möglichst schnelle Rückkehr in die Bayernliga. Im Interview spricht er über die sportlichen Perspektiven, den Abgang des luxemburgischen Nationalspieler Yannick Bardina und darüber, warum es für einen Trainer kein Problem ist, nicht vor Ort zu wohnen.

Frage: Nach sechs Jahren wieder beim TSV Lohr! Was macht den sportlichen Reiz aus? Schließlich ist die Anreise zum Training mit 46 Kilometern über die zum Teil recht kurvige Landstraße nicht die komfortabelste.

Bernd Becker: Meine Kontakte nach Lohr sind ja nie abgerissen. Nachdem ich im November 2014 in Hardheim aufgehört habe, haben wir uns in der Weihnachtszeit zusammengesetzt und uns Gedanken gemacht, wie es weitergehen könnte. Auch wenn da der Abstieg aus der Bayernliga noch nicht feststand. Aber attraktiv ist die Aufgabe trotz des Abstiegs. Der TSV Lohr ist ein Traditionsverein mit einem Umfeld, das in der Liga seinesgleichen sucht.

Es gibt also langfristige Perspektiven in Lohr?

Becker: Der Verein hat eine tolle Jugendarbeit und eine riesige Akzeptanz in der Stadt. Langfristiges Ziel muss natürlich die Rückkehr in die Bayernliga sein. Je schneller das gelingt, desto besser. Einziger Standortnachteil ist die relativ weite Entfernung von Studienorten, was es dem ein oder anderen erschwert, in Lohr ein hohes Trainingspensum zu absolvieren, wenn er zu den Einheiten ständig anreisen muss.

Der Abschied 2009 war nicht ganz freiwillig. Ist da nichts Negatives zurückgeblieben?

Becker: Der Vertrag lief aus und wurde nicht verlängert. Natürlich hört es keiner gern, wenn man gesagt kriegt: Wir machen mit dir nicht weiter. Aber damals haben die Lohrer mit offenen Karten gespielt und durch den Trainerwechsel ein Zeichen setzen wollen, dass sie den Aufstieg in die Dritte Liga anstreben. Deshalb sind bei mir keine negativen Emotionen zurückgeblieben.

Die Rückkehr war ja von Vereinsseite mit der Hoffnung verbunden, dass sich die Mannschaft wieder verstärkt als Einheit präsentiert. Kurz vor der Saison gab's aber gleich den ersten Problemfall mit der Trennung von Yannick Bardina. Der wollte nicht mehr in Lohr spielen und der Verein nicht mehr mit ihm zusammenarbeiten.

Becker: Klar, das ist etwas, was die Mannschaft beschäftigt hat. Schließlich haben wir mit Yannick einen Spieler von hoher individueller Qualität verloren. Aber Handball ist eben auch ein Mannschaftssport, und da konnten wir gewisse Verhaltensweisen einfach nicht mehr tolerieren. Es ist ja auch so, dass die Entscheidung zur Trennung einmütig von der Vereinsführung und mir gefällt worden ist und es auch keinen Gegenwind aus der Mannschaft gab.

Es ist ein Problem, als Trainer selbst nicht vor Ort zu wohnen?

Becker: Ich glaube nicht, dass irgendwelche Entwicklungen an mir vorbei laufen. Außerdem bin ich nicht allein und habe ein vertrauensvolles Verhältnis zur sportlichen Leitung. Mein Co-Trainer Gerald Schmitt, Abteilungsleiter Ludwig Scheiner und Otto Heine als Betreuer sind ja alle vor Ort. Außerdem glaube ich schon, dass die Jungs begriffen haben, was wir in puncto Außendarstellung von ihnen wollen. Da gab es ja, wie ich gehört habe, vielleicht in der letzten Saison das ein oder andere Problem. Ich bin sicher, wir kriegen das hin.

Jetzt gab es zur neuen Saison einen großen personellen Schnitt. Neben Yannick Bardina haben mit Bob Zeleny, Steffan Meyer, Gabor Farkas oder Max Wirth gute Handballer den Verein verlassen. Ist das jetzt die Chance der vielen jungen Spieler, die in den letzten Jahren aus dem Lohrer Nachwuchs in den Aktivenbereich aufgerückt sind?

Becker: Ganz sicher. Viele junge Spieler haben in der Vorbereitungszeit große Schritte nach vorn gemacht. Und nach dem Abgang von Yannick Bardina kommt auf viele noch mehr Verantwortung zu als eigentlich eingeplant.

Wer sticht von den Jungen besonders heraus?

Becker: Ein Fabian Zehnter ist gerade 19 und trägt schon enorm viel Verantwortung. Er ist schließlich der einzige Rückraumspieler, der Linkshänder ist. Und auch Jonathan Born, der ja die ganze letzte Saison nach einem Kreuzbandriss verpasst hat, wird immer besser. Und ein Ferdinand Schmitt ist sowieso einer, der eine überragende Einstellung hat. Und dass ein Jannik Schmitt im Augenblick verletzt fehlt, ist sehr schade. Dazu gibt es in der zweiten Mannschaft noch den ein oder anderen Spieler, der auf mittlere Sicht ein Thema werden könnte.

Nun wird der TSV Lohr in der Landesliga in die Rolle des Topfavoriten gedrängt. Ist das eine Bürde oder verschafft das Motivation?

Becker: Auch wenn der Kader mit dem der Vorsaison nicht mehr viel zu tun hat, müssen wir die Rolle annehmen. Wenn wir irgendwo hinfahren, ist das für den jeweiligen Gegner ein Highlight. Aber es nützt ja nichts, darüber zu klagen – es ist einfach so.

Am Samstag beim Saisonauftakt in Roßtal war das Team nach souveräner Anfangsphase und einer Zehn-Tore-Führung noch in große Nöte geraten und hätte den Vorsprung fast noch aus der Hand gegeben. Bereits in der vergangenen Saison bekamen die Spieler nach deutlichen Führungen immer wieder Nervenflattern. Müssen sich die Lohrer Anhänger nun auch wieder auf Zitterspiele einstellen?

Becker: Man darf hier nicht vergessen, dass wir eine neu zusammengestellte Mannschaft haben, die sich in den Spielen unter Druck erst noch entwickeln muss. Ich denke, wir werden noch einiges an Stabilität dazugewinnen und dann auch in der Lage sein, einen erarbeiteten Vorsprung zu halten. Aber trotz allem hat uns dieses Spiel auch wieder etwas weiter gebracht, letztendlich haben wir am Ende unter Bedrängnis einen Auswärtssieg mitgenommen.

U. Sommerkorn

Quelle: Main-Post