Freude trotz durchwachter Nächte

22.09.16

TSV Lohr – Haspo Bayreuth (Samstag, 19.30 Uhr)

Wenn das Schiedsrichtergespann Ulrich Grimm und Florian Müller vom HC Cadolzburg am Samstagabend um 19.30 Uhr das Spiel in der Spessarttorhalle freigibt, dann ist es für den gastgebenden TSV Lohr eine Zeit von 510 Tagen Bayernliga-Abstinenz vorbei. Am 2. Mai 2015 verabschiedeten sich die Lohrer mit einem 22:17-Heimsieg gegen den HSC Coburg II als Absteiger aus der höchsten Spielklasse im Freistaat. Am vergangenen Wochenende sind sie mit einem 26:23-Erfolg in Günzburg in die Bayernliga zurückgekehrt.

Als weniger gelungen kann der Saisonstart der Bayreuther Gäste gelten, sie unterlagen am Samstag mit 27:30 in Friedberg. Dabei war der Ex-Heidingsfelder im Haspo-Trikot, Marius Hümpfer, mit zehn Treffern erfolgreichster Werfer. Allerdings litt das Spiel der Oberfranken unter dem verletzungsbedingten Fehlen von Tim Hermannsdörfer, der Spielgestalter wird auch in Lohr ausfallen. Lohrer und Bayreuther standen sich erst am zweiten September-Wochenende schon einmal gegenüber – nämlich in der zweiten Bayernpokal-Runde. Damals besiegte eine leicht verstärkte Lohrer Reservemannschaft ein Bayreuther Team, das in Bestbesetzung spielte, mit 34:24. Dabei bereitete besonders Lorenz Schmitt auf den vorgezogenen Position den Oberfranken große Schwierigkeiten. Deshalb überlegt TSV-Trainer Bernd Becker, den Youngster aus der Reserve in den Kader der ersten Mannschaft zu beordern. Zumal der an der Leiste verletzte Janis Gremzde langfristig ausfällt. Dabei sein wurde auf Seiten der Gastgeber Andreas Avar, der zuletzt mit Rückenproblemen kämpfte.

U. Sommerkorn

Quelle: Main-Post

Interview mit Trainer Benrd Becker

Bernd Becker

Bernd Becker

Am vergangenen Samstag hat für Bernd Becker seine fünfte Saison als Trainer des TSV Lohr mit einem 26:23-Sieg in Günzburg begonnen. Der 47-jährige Handballcoach, der aus Rimpar stammt und mit seiner Familie in Höchberg lebt, war schon von 2006 bis 2009 für die Mannschaft in der Bayernliga verantwortlich. 2015 übernahm er die Lohrer nach dem Abstieg in die Landesliga erneut, gewann mit seinem Team auf Anhieb die Meisterschaft und schaffte damit die Rückkehr in die Bayernliga. Vor der Heimpremiere seiner Mannschaft gegen Haspo Bayreuth (Samstag, 19.30 Uhr, Spessarttorhalle) erklärt Bernd Becker im Interview, wie er Frust bewältigt, warum er auf der Bank nicht tobt, welche Chancen er seiner Mannschaft in der Runde zubilligt und dass es ihm Freude bereitet, mit dem Team zu arbeiten.

Frage: Wenn man in Höchberg lebt und in die fünfte Saison als Trainer des TSV Lohr geht, rechnet man sich da aus, wie viele Kilometer man in Sachen Handball mit dem Auto schon zwischen den beiden Orten unterwegs war?

Bernd Becker: Ehrlich gesagt, darüber habe ich mir noch nie groß Gedanken gemacht. Aber ich bin die Woche rund 400 Kilometer für den Trainerjob unterwegs. Und das fast 50 Wochen im Jahr. Da kommt man pro Saison auf fast 20 000 Kilometer. Die Fahrt dauert einfach eine Dreiviertelstunde, die nutze ich oft, um Telefongespräche zu führen. Eine Freisprecheinrichtung hat schon ihre Vorteile.

Frage: Lohnt sich die viele Fahrerei?

Becker: Ja, ich denke schon. Meine erste Amtszeit in Lohr war definitiv eine gute. Die Mannschaft war immer vorne dabei, es hat nur ein kleiner Schritt zum Aufstieg gefehlt. Als ich letztes Jahr wieder angefangen habe, war die Aufgabe dann eine ganz andere. Wir mussten den kompletten Spielerkader erst einmal völlig neu organisieren. Das hat gut geklappt. Die erste Mannschaft ist in die Bayernliga aufgestiegen, die zweite steht in der Bezirksoberliga auch nicht schlecht da.

Frage: Sie wirken als Trainer auf der Bank verglichen mit so manchem Kollegen oft recht entspannt. Schlafen Sie nach Spielen eigentlich gut?

Becker: Manchmal gibt der optische Eindruck nicht unbedingt die innere Verfassung wieder. Ich schlafe nämlich nach Spielen extrem schlecht. Egal, ob die erfolgreich verlaufen sind oder nicht. Da gehen einem noch viele Dinge durch den Kopf. Aber es hilft einer Mannschaft nicht, wenn man von außen noch großen Stress hineinträgt. Die hat schon genug. Besonders eine Mannschaft wie meine braucht von außen eher Ruhe und Besonnenheit.

Frage: Wie sieht's denn mit persönlicher Frustbewältigung nach sportlichen Misserfolgen aus?

Becker: Wenn es Sonntag ist und man nach einem Misserfolg eine Nacht geschlafen, versucht man, das hinter sich zu lassen. Der Sonntag ist bei uns, so oft es geht, Familientag. Da hilft einem natürlich, dass es jetzt ein Videoportal gibt, auf dem man die anderen Bayernligaspiele beobachten kann und ich nicht nach Erlangen oder sonst wohin fahren muss, um Gegner zu beobachten. Unsere Familientage haben allerdings meistens auch mit Handball zu tun. Da bin ich oft in Hallen, in denen eines meiner Kinder spielt.

Frage: Viel Grund für Frust gab es ja nach der Rückkehr nach Lohr auch nicht?

Becker: Nein, sicher nicht. Aber es ist nicht so, dass alles schon perfekt ist. Wir haben noch einige Aufgaben im Trainingsbetrieb zu erledigen. Dabei spreche ich auch gerne mit den Spielern, was sie für Gedanken haben, und versuche diese, wenn's geht, auch aufzunehmen. Aber in letzter Instanz muss ich natürlich entscheiden, was gemacht wird.

Frage: Was kann man in dieser Bayernliga-Saison vom TSV Lohr erwarten?

Becker: Ich kann voraussetzen, dass ich eine Mannschaft habe, die mit Willen und Leidenschaft in die Spiele geht. Günzburg war ein gutes Beispiel dafür. Aber wir müssen diese Tugenden natürlich in jedem Spiel abrufen. Die sind die Grundvoraussetzungen dafür, um eine Identifikation mit der Mannschaft zu erzeugen. Natürlich geht es auch um Punkte. Erst einmal wollen wir drei andere Mannschaften hinter uns lassen und nicht absteigen. Aber vielleicht ist ja noch mehr möglich. Gerade, wenn wir es schaffen, einen guten Start hinzubekommen. Da könnte auch ein Platz im hinteren Mittelfeld drin sein.

Frage: Stichwort „Identifikation mit der Mannschaft“. Diese hatte ja bei einigen im Umfeld des Teams während des Bayernliga-Abstiegs vor anderthalb Jahren gelitten. Danach gab es ja nicht nur Bemühungen, auf dem Spielfeld wieder ein positiveres Bild zu bieten, sondern auch daneben.

Becker: In der Zeit des Abstiegs sind Dinge vorgefallen, die problematisch waren. Es geht nicht an, dass Spieler eine Stunde vor dem Spiel im Trainingsanzug vor der Halle stehen und rauchen. Oder in der Nacht vor dem Spiel morgens um vier in Brunnen springen und das dann auf Facebook posten. Das kommt schlecht, speziell wenn du keine Erfolge vorweisen kannst. So etwas sehen auch Zuschauer und Sponsoren. Als ich letzten Sommer hier angefangen habe, wurde darüber gesprochen. Wir haben diese Dinge abgestellt. Auch so etwas ist wichtig, wenn du Geschlossenheit demonstrieren willst.

Frage: Wo sind denn noch sportliche Baustellen im Team?

Becker: Dass wir neben unserer 6:0-Deckung ein zweites Abwehrsystem stabil auf die Platte bringen. Die 5:1-Formation hat ja zuletzt in Günzburg gar nicht schlecht funktioniert. Wir wollen das festigen. Auch müssen wir lernen, dass wir in der Deckung noch mehr antizipieren. Und natürlich müssen wir, nachdem Fabian Zehnter nicht mehr dabei ist, Lösungen finden, wie wir ohne Linkshänder im Rückraum zurechtkommen.

Frage: Wo wird der TSV Lohr am Saisonende stehen?

Becker: Ich hoffe, im unteren Mittelfeld. Dafür werden wir alles tun. Minimalziel ist, wie gesagt, drei Mannschaften hinter uns zu lassen und nicht abzusteigen.

Frage: Wenn eines Tages Ihre Trainerkarriere zu Ende ist, was glauben Sie, wie viele Kilometer Sie dann nach Lohr zum Handball gefahren sein werden?

Becker: (lacht) Ich denke, die Zusammenarbeit ist gut und muss daher nicht am Saisonende vorbei sein. Aber wie lange sie letztlich dauert, ist auch vom sportlichen Erfolg abhängig. Grundsätzlich habe ich mit dem Verein Vereinbarungen über die Zusammenarbeit getroffen, die immer jeweils für ein Jahr galten. Normalerweise setzen wir uns um die Weihnachtszeit zusammen, tauschen unsere Vorstellungen aus und sprechen darüber, ob es in der darauf folgenden Saison miteinander weitergeht.