"Das Schiedsrichter-Sein muss cool werden"

02.11.21

Anbei ein sehr interessantes Interview aus dem DHB Schiedsrichter-Portal, dass uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt wurde.


28.10.2021  Interview  Julia Nikoleit DHB-SR-Portal

Der Job an der Pfeife ist gerade an der Basis immer wieder negativ besetzt, ein ungeliebtes „Muss“ vieler Vereine. Die Schiedsrichter, die mit Leidenschaft dabei sind, schwärmen jedoch vom schönsten Hobby der Welt. Wie kann der Sinneswandel gelingen? Ein Gedankenaustausch zwischen Elite-Schiedsrichter Sebastian Grobe und Volker Pellny, Schiedsrichterwart im Handball-Verband Niedersachsen.

Redaktion: Sebastian, Volker, ihr wisst beide aus eigener Erfahrung, wie negativ das Bild des Schiedsrichters oft besetzt sein kann. Was ist – spontan – eure erste Reaktion auf diese Aussage?

Sebastian Grobe: Aus meiner Sicht verdient es schlicht und einfach Respekt, dass die Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter – egal, in welcher Liga – ihren Beitrag dazu leisten, den Sport am Laufen zu halten. Wir sollten uns zwar selbst nicht zu wichtig nehmen, denn natürlich wird die Attraktivität des Spiels vor allem durch die Mannschaften bestimmt, aber leider werden Schiedsrichter insbesondere in der Breite immer wieder als ein – ich nenne es mal – „notwendiges Übel“ betrachtet. Es ist schade, dass sich bisher wenig ändert, obwohl eigentlich alle wissen, dass es hin und wieder an Respekt und Höflichkeit gegenüber den Schiedsrichtern mangelt.

Volker Pellny: Da bin ich sofort bei dir. Der respektvolle Umgang fängt ja nicht erst auf dem Feld an. Ich erlebe es beispielsweise in der Oberliga immer wieder, wie unterschiedlich das Denken der Vereine ist. Es gibt Vereine, die sich toll um die Schiedsrichter kümmern – und es gibt Vereine, die das überhaupt nicht interessiert. Unsere Schiedsrichter haben dort keinen Ansprechpartner, werden nicht beachtet, es steht nicht einmal ein Wasser in die Kabine. Für diese Vereine ist es eine Selbstverständlichkeit, dass ihr Spiel gepfiffen wird, aber dass die beiden ‚Idioten’ dann auch noch Geld dafür haben wollen, wird fast als Dreistigkeit empfunden.

Wie erklärt ihr euch diese Haltung?

Volker Pellny: Die Kinder und Jugendlichen gucken sich das bereits früh ab. Wenn man als Erwachsener – als Trainer, Elternteil, Zuschauer – nicht gegensteuert, ist es für die Kinder normal, in dieser Form mit dem Schiedsrichter umzugehen. Sie übernehmen das vorgelebte Bild – und so zieht sich die negative Haltung immer weiter durch die Generationen.

Sebastian Grobe: Ich weiß nicht, wie du das erlebst, Volker, aber ich habe das Gefühl: Schon die Sichtweise, dass die Schiedsrichterei etwas ist, das irgendjemand nun einmal machen muss, ist das Grundproblem. Es wird oft als Zwang erlebt statt als eine Aufgabe, die wirklich Spaß macht.

Volker Pellny: Viele Vereine suchen Schiedsrichter in erster Linie, um die Geldbußen zu minimieren. Das ist der Anreiz. Keiner sagt: Pfeif doch lieber als zu spielen, da könntest du echt etwas werden. Plus: Du kannst auf den Schiedsrichter draufhauen, ohne dass etwas passiert. Wenn jemand unter 200 Zuschauern pöbelt, sagt er Sachen, die er dem Schiedsrichter nie direkt ins Gesicht sagen würde. Das ist wie beim Autofahren.

Sebastian Grobe: Ein anderer Punkt, den ich noch sehe: Seiner Mannschaft verzeiht man als Zuschauer die Fehler – der Schiedsrichter ist dagegen der einfachste Sündenbock. Leider gibt es in dieser Hinsicht zu viele Beispiele von Trainern, Wortführern in den Mannschaften und Zuschauern auf den Rängen, die sich nicht vorbildhaft verhalten.

Was wäre wichtig, um die Haltung zu verändern?

Sebastian Grobe: Uns fehlen in vielen Hallen und Vereinen Paten des Schiedsrichterwesen. Wir brauchen Multiplikatoren, die durch die Vereine und Hallen ziehen, um ein positives Bild des Schiedsrichters einzupflanzen.

Volker Pellny: Diese positive Wahrnehmung ist ganz wichtig. Ich finde es immer schön, wenn ein Trainer nach dem Spiel zu seinen Presseleuten sagt: Die Schiedsrichterleistung war heute gut. Die Schiedsrichter werden in der Regel meistens nur erwähnt, wenn sie schlecht waren.

Sebastian Grobe: Das kann ich nur bestätigen. Es gibt diese positiven Beispiele jedoch immer wieder: In der letzten Saison wurde ein Trainer, der im Spiel mit Entscheidungen von uns nicht einverstanden war, auf der Pressekonferenz darauf angesprochen. Seine Antwort war extrem respektvoll: „Adrian und Sebastian gehören zu den Besten ihres Fachs, nicht umsonst sind sie hier. Ich muss mir die Szenen noch einmal angucken. Doch auch, wenn ich weiterhin mit der ein oder anderen Sache nicht einverstanden sein sollte, haben sie sicherlich nicht mehr Fehler gemacht als wir.“
Solche Aussagen sind wichtig, denn letztendlich ist nur mit guten Schiedsrichtern auch guter Handball möglich. Ich meine damit gar nicht, dass man die Schiedsrichter um jeden Preis schützen soll, wenn sie einen schlechten Tag hatten. Wir müssen jedoch den Gedanken verankern, dass Schiedsrichter gut für den gesamten Sport sind. Um es plakativ auszudrücken: Das Schiedsrichter-Sein muss auch in der öffentlichen Wahrnehmung cool werden.

Und wie kann das deiner Meinung nach gelingen?

Sebastian Grobe: Wir müssen es durch viele Einzelmaßnahmen schaffen, dass das Image des Schiedsrichters als Teil des Spiels bei den Menschen, die diesen Sport lieben, positiver belegt wird. Das muss von Innen kommen, klar, aber du musst das innere Denken mit äußeren extrinsischen Maßnahmen beeinflussen. Darf ich einen konkreten Vorschlag machen?

Natürlich …

Sebastian Grobe: In meinem ersten Bewerbungsgespräch im Beruf hatte das Schiedsrichter-Thema einen großen Inhalt, weil die Personalerin die Softskills, die man durch das Pfeifen lernt, als wahnsinnig wichtig für den beruflichen Alltag angesehen hat
Was können wir aus dieser Haltung machen? Vereine haben Sponsoren – und könnten gemeinsam ein Role Model (Anm. d. Red.: Eine Person, die durch bestimmte Verhaltensweisen in einer speziellen Funktion als Vorbild dient) erzeugen, indem das Unternehmen beispielsweise sagt: „Ein Schiedsrichter bringt Entscheidungsfreude, Gerechtigkeitsempfinden, Stressresistenz mit – und das sind genau die Fähigkeiten, die ich in meiner Firma brauche!“ Wenn ein attraktiver Arbeitgeber dieses Bild vermittelt, erzeugt es ein positives Image des Schiedsrichters.

Volker Pellny: Kurzfristig wird das natürlich nicht helfen, aber mittel- bis langfristig sehe ich den Effekt auch. In der Praxis ist es auch machbar: Unser Geschäftsführer im HV Niedersachsen war – vor Corona – mit einem großen Unternehmen im Finanzsektor dabei, Ausbildungsplätze auszuschreiben, für die eine der Einstellungsvoraussetzungen die Schiedsrichter-Tätigkeit war. Damals hat uns die Pandemie ausgebremst, jetzt soll es im nächsten Jahr weitergehen.

Sebastian Grobe: Klasse! Wenn du immer mehr Firmen hast, die offensiv propagieren, dass die Qualitäten des Schiedsrichters gern gesehen sind, fängt vielleicht ein Umdenken auf der Tribüne an. Außerdem brauchen wir eine positive Berichterstattung auf lokaler Ebene. Wenn ein junges Gespann in der Zeitung steht, wird es in der Region kursieren. Die Schiedsrichter müssen auf die Webseiten der Vereine gebracht werden, in die Hallenhefte, wir müssen die Erfolgsgeschichten erzählen.

Was wären denn weitere Ansätze, um gerade an der Basis etwas zu bewegen?

Sebastian Grobe: Lasst uns einfach mal laut denken: Es werden künftig in den Landes- und Kreisverbänden Fair-Play-Punkte für Vereine vergeben. Dabei wird der angemessene Umgang von Spielern, Trainern und Zuschauern mit den Schiedsrichtern bewertet – insbesondere mit Blick auf die Eltern bei Jugendspielen, die oft von jungen Schiedsrichtern gepfiffen werden.
Diese Bewertung soll natürlich nicht in Auf- oder Aufstieg hereinspielen, aber wenn der beste Verein im Fair-Play-Ranking am Ende mit der „Goldenen Pfeife des Jahres“ ausgezeichnet und als Belohnung zum regionalen Erst- oder Zweitligisten eingeladen wird, ist das eine schöne Auszeichnung.

Die Schiedsrichter sollen die Vereine bewerten?

Sebastian Grobe: Genau. Wie die Bewertung konkret abläuft, müsste man noch festlegen – die Schiedsrichter könnten beispielsweise die Vereine pro Spiel in verschiedenen Kategorien mit Plus, Minus oder Neutral bewerten. Wer am Ende die meisten Plus-Zeichen gesammelt hat, erhält Karten für ein Spiel, einen schönen Artikel und ein Bild im Tor mit dem Aushängeschild des Klubs – Uwe Gensheimer, Timo Kastening, Fabian Wiede. Und das als Auszeichnung für Fair Play gegenüber den Schiedsrichtern!

Wäre das umsetzbar?

Volker Pellny: Absolut! Die Vereine bewerten bei uns ohnehin die Schiedsrichter über die Vereinsbeobachtungen in den Verbands- und Oberligen. Warum sollte man das nicht umdrehen? Aus meiner Sicht wäre das schwierigste, mit diesen Ergebnissen nach draußen zu gehen. Logisch, der Verein mit den meisten Fair-Play-Punkten freut sich, aber mit dem Verein, der ganz unten steht, könnte es politisch heikel werden …

Sebastian Grobe: Das stimmt, der Verein, der schlecht abschneidet, hat erst einmal ein schlechtes Image. Ich sage aber: Ja, das mag mies sein, aber er hat sich offensichtlich auch nicht angemessen verhalten. Da muss man nicht immer die politische Korrektheit wahren, sondern es offen ansprechen.

Volker Pellny: Ich gebe dir ja recht, ich persönlich hätte damit überhaupt kein Problem, wenn das offengelegt wird. Ich glaube nur, dass diese Idee politisch sehr schwer zu verkaufen ist. 

Sebastian Grobe: Dann macht man es anders: Man zeichnet den Ersten aus und über alles andere wird nicht berichtet.

Volker Pellny: So verpufft aber der Effekt. Wenn wir 150 Vereine in Niedersachsen haben und nur Platz Eins genannt wird, interessiert die anderen Vereine nicht, ob sie Platz Drei, Platz 20 oder Platz 150 sind. Wird das nicht transparent kommuniziert, fällt das Defizit nicht auf – und alles geht weiter. Daher muss man schon dorthin gehen, wo es schmerzhaft wird.
Nachdem das Ranking veröffentlicht wird, muss man als Verband den schlechtesten Verein fragen: „Ihr habt in der Betreuung die niedrigsten Punkte von allen Vereinen in Niedersachsen bekommen. Was ist da los bei euch?“ Ich bleibe jedoch dabei: In der politischen Realität ist genau das das Problem – auch wenn du so ohne Frage den größten Effekt hättest.

Sebastian Grobe: Volker, du hast recht, in der Realität gibt es bei dieser Idee noch einige Herausforderungen. Ich kann hier natürlich auch einfacher die großen Ideen schwingen, denn ich bin nicht in der Umsetzungsverpflichtung.

Inwiefern wäre so eine Möglichkeit – die Vereine zu bewerten – ein Schritt, um die Schiedsrichter etwas mehr auf Augenhöhe zu heben?

Sebastian Grobe: Du hast recht, das ist ein schöner Zusatzaspekt. Wir Schiedsrichter pfeifen, weil es uns Spaß macht und wir einen Dienst am Sport leisten wollen – und dafür wollen wir respektvoll behandelt werden; nicht mehr und nicht weniger.
Wenn ein Verein, der uns respektvoll behandelt, dafür belohnt wird, indem die Jugend zum Bundesliga-Spiel darf und die Jugend des Nachbarvereins nicht, dann finde ich das angemessen, weil es gute Anreize setzt. Und es gäbe den Schiedsrichtern das Gefühl, dass sie etwas verbessern können.

Ein letzter Aspekt: Entstünde durch ein Ranking die Gefahr, dass die Vereine um das Wohlwollen der Schiedsrichter buhlen – und so die Neutralität vermeintlich ins Wanken gerät, weil sich ein Verein, der das nicht macht, benachteiligt fühlt?

Sebastian Grobe: Das sehe ich nicht. Ein Schiedsrichter ist das ganze Jahr unabhängig, das ist unser ureigenstes Interesse. So etwas könnte nur jemand sagen, der nicht versteht, was es bedeutet, Schiedsrichter zu sein.

Volker Pellny: Ich stimme dir zu, dass das Verständnis oft fehlt. Aber es gibt auch positive Beispiele. Mir wurde ein Spiel geschildert, in dem der Trainer irgendwann so genervt von dem Gemecker der Eltern gegen den Schiedsrichter war, dass er eine Auszeit genommen hat. Statt mit seinen Jungs zu sprechen, ist er quer über das Feld zu den Eltern gegangen und hat sie zusammengestaucht. Ich war leider nicht da, sonst hätte ich ihm nach dem Spiel fünf Kaltgetränke ausgegeben …

Wenn ihr beide sagt, dass das Verständnis für den Schiedsrichter-Job fehlt: Was haltet ihr von verpflichtende Schiedsrichter-Lehrgängen in A- und B-Jugend?

Sebastian Grobe: Ich halte nichts von einer Pflicht – wir sollten vielmehr auf Anreize setzen. Wenn es uns gelingt, den Schiedsrichter-Job positiv zu besetzen, entsteht das Interesse von alleine. Sinnvoll sind hingegen – gerade im Jugendtraining – Exkurse und Austausch. Ein Schiedsrichter könnte beispielsweise das Training begleiten, Fragen beantworten und das Spiel am Ende der Einheit leiten. Das war sehr erfolgreich, als wir in Zusammenhang mit den neuen Regeln in die Vereine gegangen sind. Trainer und Schiedsrichter situativ stärker zusammenzubringen ist wichtig, um ein gegenseitiges Verständnis zu schaffen.

Abschließend: Kann der Sinneswandel gelingen?

Sebastian Grobe: Ja, ich bin fest davon überzeugt. Wir können es schaffen, das Wesen des Schiedsrichters positiv – nicht nur positiver – zu belegen und angemessen zu würdigen. Jede Einzelmaßnahme, die ein Erfolg wird, leistet dazu einen wichtigen Beitrag.

Volker Pellny: Ich halte es auch für absolut realistisch, dass das Umdenken möglich ist. Wir müssen allerdings alle wissen, dass es nicht innerhalb von sechs Monaten gelingt. Wir dürfen nicht frustriert den Kopf in den Sand stecken, sondern müssen immer dran bleiben.

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